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WAS WIR VON EINER MUTTER VON MÄDCHEN LERNEN KÖNNEN

Oder wie wir auch leise inspirieren
 

In meiner Vortragsreihe „#Diversity und die Magie in dir“ zitiere ich bewusst meine Mutter, denn sie lehrte mich (unbewusst und bewusst) den Umgang mit Vielfalt. Früher dachte ich, wenn Verwandte und Nachbarn sie „Mutter von Mädchen“ nannten, es sei ein Kompliment. Das war es aber nicht.

„Eine Welt voller Gegensätze“ nennen viele Reporter das bunte Leben in Kenia.

Ich nenne das: Vielfalt. Ein, Thema, das gerade Mode ist, aber in der Tat nichts Neues ist.

Ich bin immer noch überzeugt, dass, wenn wir es verinnerlichen, dass Vielfalt und der Umgang damit daheim beginnt, und nicht erst, wenn wir einen Unterschied in den Gehältern zwischen Männer und Frauen in den Unternehmen feststellen, würden wir öfters gemeinsam Vielfalt feiern.

Heute habe ich für dich 7 Learnings von meiner Mutter. Eine Frau mit 11 Kindern, welche großteils alleine großgezogen hat. Selbst schuld könntest du sagen. Ja, du hast recht. Es geht nicht darum, das anzuerkennen. Verantwortung übernimmt sie und deshalb gab es in ihrem Platz kein Jammern. Der Artikel fokussiert sich auf ihre Werkzeuge.

1. Haltung und Würde. Kenne deine Grenze, damit du dich nicht immer aufs Neue entscheidest.

„Wer seinen Kreis der Würde nicht klar genug abzirkelt, wird bei jedem verlockenden Angebot, jedem Deal neu überlegen müssen. Das ist nicht nur eine große Zeitverschwendung. Es erodiert auch Ihren Selbstrespekt und Ihre Reputation – was Sie anfälliger macht für zukünftige Angebote. Ein wahrer Teufelskreis also“ – sagt Rolf Dobelli in seinem dem Buch „Die Kunst des guten Lebens.“

Es gab eine Reihe von Themen, die für meine Mutter einfach nicht verhandelbar waren. Früher habe ich sie nicht verstanden. Ich war zu kurzsichtig. Jetzt, mit zunehmender Lebenserfahrung, verstehe ich sie je länger je mehr.

Als mir Schulgeld fehlte, kamen viele Stimmen die zu ihr sagten, „Du musst deinen Mann anzeigen“, „Du musst einen anderen Mann nehmen, der für dich sorgen kann“, „Du könntest deine Mädchen jemandem versprechen.“

Obwohl sie (gefühlt) nur uns hatte – der Kreis des Vertrauens war nicht groß – hat sie ihre Würde bewahrt. Sie hat ihren Kreis der Würde scharf definiert; die Werte innerhalb dieses Kreises waren nicht verhandelbar.

Unser Learning daraus: Vielfalt heißt auch viele Meinungen, die vielleicht gut gemeint sind, doch schlussendlich wirst nur Du alleine mit den Konsequenzen leben müssen. Definiere deine Grenzen.

Was ist für dich verhandelbar, um irgendwohin hineinzupassen oder was nicht?

2. Konzentriere dich auf Themen, die dich weiterbringen

Wer bereits in Kenia war, weiß wie toll kenianische Frauen ihre Haare flechten. Ein Kunstwerk. Hat aber auch Neid bei uns geweckt, wenn wir uns das gerade nicht leisten konnten.

Als meine Mutter krank wurde und deshalb ihren Job verlor, als die Situation immer härter wurde, hat sie sich entschieden, ihre Energie auf noch weniger Sachen zu konzentrieren. Ob mit vollem oder mit leerem Bauch, der Geräusch von ihrer Strickmaschine hat uns Tag und Nacht begleitet. Fleißig, konzentriert und gezielt hat sie sich für uns eingesetzt. Das bedeutet: keine Frisur-Besuche, (zum Glück gibt es Kopftücher sagte sie immer), kein auf-dem-Veranda-sitzen-und-tratschen-Besuche wie viele Frauen das machten usw. Sie sagte stets zu uns „Achtet auf das was erzählt wird in den Salons und wie viel Zeit ihr dort verbringen würdet“. Wir reden nicht von 15 Minuten Haarschnitt. Das war eine Tagesinvestition.

Learning: Wenn es immer härter wird, straffe deine Aktivitäten und deinen Kreis. Ich arbeite immer noch daran.

3. Akzeptiere die Situationen. Nimm es mit Humor und mache deinen Kindern und deiner Umgebung Mut

Ich sagte bereits „Mutter von Mädchen“ war kein Kompliment. 9 von 11 Kindern meiner Mutter sind Mädchen. Für uns war das Klasse, für Verwandte und die Gesellschaft ein Grund meine Mutter zu verspotten. „Diese Mädchen sind verloren, dann noch ohne Vater aufwachsen“, hörten wir immer.

Meine Mutter zeigte uns ihre humorvolle Seite und nannte sich selbst „Stolze Mutter von Mädchen“. Wenn du deine Situation zugegeben und akzeptiert hast, wird es schwierig sein, dir damit weh zu tun.

Sie sagte weiterhin zu uns „Ihr meine Mädchen, seid die Zukunft“ und gab uns MUT. Nie hat sie Zweifel gezeigt, nie hat sie sich schlecht geäußert über andere. Sie nahm das gelassen und machte uns zu Fans. Sie erzählten uns von starken Frauen in der Geschichte und in der Politik. 

Sie hatte ihre Rolle voll mit Stolz und Würde akzeptiert und uns gezeigt, dass es kein Thema ist. „Lass sie reden“, sagte sie immer.

4. Baue dir Verbündete und Fans, eine Community würden wir heute sagen.

Meine Mutter setze sich sehr ein für Waisenkinder, für Kinder und Jugendliche, die aus Sicht der Gesellschaft in Schwierigkeiten waren. Sie hat die Gabe zuzuhören. Natürlich gab es auch welche, die ihr Nett-Sein ausnutzen, aber sie wertete nicht. Als Arbeitnehmerin in Homa-Bay, Kenia hatte sie nicht den Genuss, ins Rentensystem integriert zu sein. Ihre Investition in vielen Kinder und Jugendlichen, ohne etwas zu erwartet, zahlt sich immer jetzt aus. Sie ist nie alleine. Viele kommen vorbei und bedanken sich für das, was sie vor Jahren getan hat (Rente teilweise gesichert😊) und sie hat so eine starke Community aufgebaut, die ihre Werte weitertragen, ohne auf Anerkennung zu gestehen. Wir spüren das immer noch beim Besuch und jedes Mal bin ich stark berührt, wie lange solche Geste wirken und Menschen verbinden.

Ich lernte: vergiss nicht, selbst wenn die Welt aussieht als ob jeder gegen dich ist, du kannst mit Geduld deine Verbündete aufbauen. Jemand wird immer für dich da sein, wenn es darauf ankommt.

5. Lass dich ruhig unterschätzen. Zeige dein Talent, wenn es darauf ankommt

Der Autor Rolf Dobelli fragt weiterhin in seinem dem Buch „Die Kunst des guten Lebens“:

„Was ist Ihnen lieber: Sie sind der intelligenteste Mensch, aber die Welt denkt, Sie seien der dümmste? Oder Sie sind der dümmste Mensch und die Welt denkt, Sie sind seien der intelligenteste.“

Früher, ohne soziale Medien, gab es auch diese Suche nach Anerkennung. Klar waren wir froh, wenn jemand sagte, „Sie haben aber sehr schöne Mädchen“. Meine Mutter nahm uns bewusst zusammen und sagte „Lege aber nicht viel Gewicht auf das Äußerliche. Was zählt, ist was du über dich denkst“. Das hat sie konsequent für sich durchgezogen. Nicht nur wir Kinder haben sie total unterschätzt. Wenn es aber darauf ankam, hat sie sich eingesetzt und einmal sogar meinem Vater das Leben gerettet.

Als meine Mutter mit meinem Vater in Nairobi wohnten, gab es mal politischen Unruhen und alle Luos (eine ethnische Gruppe in Kenia) wurden von „Gegnern“ aufgesucht mit dem Ziel diese umzubringen. Wenn ich die Geschichte höre bekomme ich immer noch Gänsehaut. Zum Glück konnte meine Mutter außerordentlich Swahili, sodass es den „Besuchern“ nicht so vorkam, dass sie eine Luo war. Sie richtete sich auf und erklärte, dass mein Vater seit Tagen krank im Bett liegt, nicht sprechen kann und rettete ihm mit einer erfundenen Story das Leben.

Das nenne ich Stärke. Wenn es darauf ankommt Talente einsetzen und nicht nur darüber reden, was du alles kannst.

6. Rituale helfen uns, den Raum zwischen Reiz und Reaktion besser zu nutzen. So bist du auch deinen „Feinden gegenüber“ nicht verbittert

Jeden Abend trafen wir uns alle zu einem Ritual und sind öfters dabei eingeschlafen (bitte nicht weitersagen😊): gemeinsam singen, ausgewählte Kapitel aus der Bibel studieren (jeder war mal dran mit Lesen) und interpretieren, gemeinsam auf die Knie gehen und beten. Ich möchte nicht den religiösen Aspekt hier betonen, sondern den Impact, die Wirkung dieses einfachen Rituals. Wir hatten keinen Platz zum Jammern, sondern waren beim Beten einfach dankbar für uns, für die Gesundheit und dies bereitete uns mental auf das vor, was noch kommt. Wir haben uns gespürt, wir waren ein Team. Ab und zu hatten wir nicht mal eine Kerze.

Da waren wir auch flexibel, um vorm Sonnenuntergang alles bereitzustellen, sodass wir gleich nach dem Abendgebet uns hinlegen konnten. Natürlich habe ich dieses Ritual als Teenager hinterfragt, erst später habe ich den Sinn verstanden. Rückblickend: in einem Haus ohne Fernsehen und Elektronik, das war die beste Unterhaltung. Wir waren bei uns.

Wir haben sogar für unsere „Feinde“ gebetet. So habe ich gelernt niemanden Böses zu wünschen, nicht verbittert zu sein und lebe nach dem Motto „Two Wrongs do not make a right”.

7. Wenn jemand nicht wahrnimmt, wenn du was Gutes tust, tue es trotzdem.

Dieser Punkt hängt ganz stark mit „Kreis der Würde zusammen“. Stehe zu deinen Werten, egal ob du Anerkennung dafür bekommst oder nicht.

Ich weiß noch wie peinlich es für uns war, dass meine Mutter Kranken und Obdachlose halfen, zumal wir selbst nicht „viel“ hatten. Vielleicht waren wir nur neidisch, weil wir dadurch noch weniger hatten. Eine einfache Sache mit großer Wirkung machte sie konsequent: egal wo sie ist, daheim oder in fremden Orten, sie begrüßte stets jeden.

Für mich als Kind war das peinlich, wenn jemand nicht antwortet. Ich verstand erst Jahre später diese Angewohnheit. Sie galt als die „freundlichste Nachbarin“ und erleichterte uns das Ausleihen nach Salz oder Zucker, wenn uns mal wieder etwas fehlte. Sie baute eine Basis für ein Miteinander. Mittlerweile mache ich das beim Spaziergang und nerve meinen Kindern auch damit. 

Folge: Du machst den ersten Schritt in Bezug auf Begegnungen mit anderen Menschen und anderen Kulturen. Du machst es deinem gegenüber leichter, auch wenn es am Anfang zur Erkenntnis kommen kann „Gott sei Dank spricht sie unsere Sprache.“

Fazit

Selbstverständlich hinterfrage ich noch einiges was sie entschieden hatte, aber ich nehme bewusst die Learnings raus und finde es stark, dass sie ihre Haltung konsequent vertreten hat und Verantwortung für ihre Entscheidungen übernimmt. Sie sagte früher „Warte nur bis du deinen eigenen Haushalt und eigene Kinder hast“. Ich stelle fest, sie hatte recht. So viel Geduld muss sein.

Wenn wir Eltern eine gesunde Basis daheim schaffen, wird es die Nachwelt in Bezug auf Begegnung mit anderen Kulturen, anderen Menschen mit anderen Werten es leichter haben. Umgang mit Vielfalt fängt nicht erst an und hört nicht damit auf, wenn wir in den Firmen „Diversity Manager“ haben. Vielfalt leben heißt, zuerst sich und eigene Werte kennen, einen eigenen Kreis der Würde definieren und den ersten Schritt zu machen.

Und du? Welche Persönlichkeit hat dich leise inspiriert?

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